Rumänien mit dem Wohnmobil.
Nachdem wir nun fast zwei Monate in Griechenland verbracht haben, zog es uns langsam weiter. Von Lefkada aus fuhren wir Richtung Thessaloniki. Dabei durchfuhren wir um die 60 Tunnel. Dann hielten wir uns gen Norden und besuchten zum letzten Mal einen wunderschönen Wasserfall. Er hatte mit Abstand das kälteste Wasser!

Griechenland war für uns eine wunderschöne Zeit und wir werden sicher wieder in dieses Land kommen, denn es gibt noch so viel zu entdecken!

Weiter ging es nach Serbien. Dort schliefen wir direkt an der Bulgarischen Grenze und wurden nachts von der Polizei geweckt, weil sie vermutet haben, das wir Schlepper sind – nicht zum ersten Mal wurden wir gefragt, ob der LKW vom Militär ist – vermutlich wegen seiner Farbe.

Am nächsten Morgen feiern wir den Geburtstag unseres kleinen Sohnes, er wurde sechs Jahre jung und durfte seinen Geburtstag als „Dreiländereckgeburtstag“ feiern. (Morgens Serbien, mittags Bulgarien und abends Rumänien….)

Von Bulgarien gelangen wir nach Rumänien. Die Passkontrolle fällt sehr genau aus. Wir werden alle aufgerufen und ein tiefer Blick in unsere Augen und danach der Vergleich mit dem Pass zeigen, dass sie es hier genau nehmen. Dann wollen sie den Innenraum des Wohnmobils sehen und wir müssen sämtliche Sitze öffnen, unter denen wir Stauraum haben. Als er fertig mit seiner Inspektion ist, frage ich, wonach er denn sucht. Flüchtlinge, Menschen als Schmuggelware. Schon in Serbien wurden wir nachts geweckt, als wir nahe an der Grenze zu Bulgarien geschlafen haben. Auch hier wurde gecheckt, ob wir Flüchtlinge über die Grenze befördern wollen.

Nachdem wir  also in Rumänien angekommen sind, fahren wir durch kleine Dörfer, an der Donau entlang, in der Nähe der Bulgarischen Grenze in Richtung Osten. Wir merken den Zeitunterschied und beim Telefonieren mit Deutschland wird uns bewusst, dass es dort länger hell bleibt als bei uns hier.

Während wir mit 30 Km/h durch die kleinen, sehr ursprünglichen Dörfer fahren, schneller zu fahren ist wegen der Straßenverhältnisse kaum möglich, habe ich ein Lächeln auf den Lippen. Was ich hier sehe ist einfach sehr schön. Wunderschöne kleine Häuser, mit angenehmen Farben, schönen Verzierungen und sehr individuell, davor Bänke, die sehr oft einen Hintern spüren dürfen, manchmal hält jemand darauf ein Nickerchen. In den Vorgärten sind Enten, Pferde, Esel oder Ziegen und halten das Gras niedrig. Menschen laufen auf der Straße und sitzen in Gruppen um miteinander zu reden.

Die Menschen hier haben Zeit. Immer wieder sitzen einzelne Menschen „einfach nur herum“ und lassen ihre Seele baumeln. Sie scheinen ausgeglichen und zufrieden.

Zunächst bin ich mir unsicher, ob ich den Menschen winken kann oder nicht. Wie werden wir hier aufgenommen, mit unserem Wohnmobil und dem scheinbaren Luxus nichts anderes zu tun zu haben, als damit hier herum zu fahren. Zögerlich winke ich dem ersten Mütterchen und als Reaktion erhalte ich ein offenes, herzliches, überraschtes Lächeln und ein Winken ihrerseits. Mit diesem Mut winke ich nun immer öfter und erhalte ebenso oft eine solche Reaktion zurück.

In einem Internetforum habe ich gelesen, dass manche Rumänen sich schämen für ihr Land, für die Ärmlichkeit und der Rückschrittlichkeit. Diese Scham kann ich nicht verstehen. Was ich hier sehe berührt mich sehr. Ich bin auf einem Dorf groß geworden und vieles was ich damals gelebt habe entdecke ich hier wieder. Eine funktionierende Dorfstruktur, Reichtum an Nachbarschaftshilfe und Freundschaften. Überall gibt es Eselskarren oder Pferde, die eine Holzkutsche ziehen, beladen mit Heu oder anderen Dingen. Menschengruppen, die gemeinsam auf den Feldern arbeiten und schwatzen. Unwahrscheinliche Artenvielfalt was die Tierwelt und vor allem die Vogelwelt angeht. Eine Natur, dessen Duft mir die Sinne betört, denn überall blüht es.

Die Zeit scheint hier in Rumänien stillgestanden zu haben und genau das ist es was ich als kostbar empfinde. Hier ist der Wohlstand noch nicht angekommen und der Rückschritt in Richtung Fortschritt ist noch nicht gänzlich vollzogen. So wird hier das Feld noch von Hand und mit der Kraft der Pferde gepflügt und Maschinen sind noch eine Seltenheit. Einkaufsläden finden man kaum und wenn sind es eher kleine Tante Emma Läden. Ebenso die Baumärkte, sie sind klein, enthalten alles was der Bauer benötigt.

Kaum lassen wir diese Dorfregion hinter uns und bewegen uns Richtung Bukarest verändert sich das Bild. Am Straßenrand hängen riesige Werbeplakate und die Läden werden riesig. Einkaufsketten wie Marktkauf, Lidl oder Penny oder typische aus England sieht man nun zuhauf. Kaum einer der Läden hat einen Rumänischen Namen. Selbst die Baumärkte haben für uns einen Wiedererkennungseffekt, denn man findet sie in Spanien und Frankreich.

Jedes Dorf, was uns näher an die Großstadt bringt wirkt immer veränderter. Zunehmend liegen Sandhaufen am Straßenrand in den Dörfern, dann Betonrohre und schließlich sehen wir, dass daraus Gehwege gebaut werden und zugleich ein Abwassersystem angelegt wird.

Mir ist nicht klar, ob die Menschen sich diese Veränderung wünschen, oder ob sie von oben beschlossen wurde? Welche Auswirkungen wird das für die Bevölkerung haben, hier in Rumänien? Wer ans Abwassersystem angeschlossen ist wird auf einmal Kosten haben, die er vorher nicht hatte. Wie soll sich ein kleiner Bauer das leisten? Früher hatte er im Garten ein Plumpsklo, was ihn nichts gekostet hat, im Gegenteil, er konnte es zum Düngen benutzen. Morgen wird er Geld benötigen, um das Wasser für die Klospülung bezahlen zu können.

Da wir partiell als Selbstversorger in Portugal leben bedeutet diese Zeitreise sehr viel für mich, denn hier gibt es so viel zu lernen. Dinge, die mit den Jahren mehr und mehr in Vergessenheit geraten werden.

Ich weiß nicht, wem von diesen Menschen bewusst ist, was die Hinwendung zum westlichen Fortschritt bedeuten wird. Auf mich wirken all die Firmen, die um die Gunst der Menschen buhlen als Verführer, als eine Pranke, die sich harmlose Bürger, naturnahe Menschen in Zombies verwandeln wird. Noch haben sie hier einen solch kostbaren Schatz, ohne es zu wissen. Noch haben sie ihr Leben nicht an den Mammon verkauft. Doch es erscheint mir als unaufhaltsam.

Irgendwann verändert sich das Landschaftsbild. Die kleinen Pferdekarren verschwinden, ebenso wie die kleinen Äcker mit den verschiedenen Gemüsen darauf. Sie machen endloswirkenden Feldern Platz, vor dem jeweils eine Firma Werbung macht, dessen Raps, Mais oder Getreide dort wächst – sicherlich mit der Unterschrift von Monsanto.

Wo die Häuser früher sehr individuell waren und die jeweilige Ahnentafel der Bewohner trugen,  werden jetzt praktische Häuser gebaut und das Reihenhausflair hält Einzug.

Mich macht das alles sehr traurig und ich kann nicht nachvollziehen, warum sie dem Westen nacheifern? Was an dem was dort gelebt wird ist erstrebenswert? Ist ihnen bewusst, dass dieses Leben im Luxus zwei Seiten hat?

Aber vielleicht bin ich einfach nur alt und schrullig und gehöre eigentlich nicht in diese Zeit?

Rumänien haben wir in unser Herz geschlossen. Ganz klar!

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