Die Griechen sind Symbol für die großen Philosophen und stehen bei vielen Menschen gleichzeitig auch für Faulheit. Ich habe diese beiden Dinge zum Anlass genommen,  über Faulheit zu philosophieren.

Wir haben ja alle Glaubenskonzepte, die wir zumeist irgendwann von irgendwem übernommen haben. Es tut gut, diese Glaubenssätze ab und an abzustauben und zu reflektieren, ob man immer noch und nach wie vor dieser Meinung ist, oder ob sich unter Umständen diese Meinung gewandelt hat…

Daher werfe ich zunächst einmal Fragen in den Raum:

Sind die Griechen denn wirklich faul?
Ist faul sein negativ oder vielleicht sogar klug?
Sind wir, die Deutschen, die wir bekannt sind für unseren Fleiß, vielleicht in Wirklichkeit eher die Dummen?
Warum ist Fleiß eine Tugend, aber Faulheit nicht?
Wer hat darüber bestimmt und das so festgelegt und wenn vielleicht hat er sich ja geirrt?

Zunächst einmal ist Faulheit ein zumeist negativ besetztes Wort. Warum ist das so und ist das gerechtfertigt? Warum ist es nicht genau andersherum und Faulheit ist ein anzustrebender Zustand? Faulheit ist nur unter gewissen Umständen und Vorzeichen „chic“ und gesellschaftlich akzeptiert. Doch chronische gelebte und ohne Gewissensbisse praktizierte Faulheit überfordert dann doch die meisten Menschen in Deutschland…

Aber was genau ist denn nun Faulheit? Wenn ein Apfel faul ist, dann stinkt er und ist ungenießbar. Aber was genau geschieht mit einem faulen Menschen? Er beginnt ja nicht damit äußerlich zu schimmeln und gammelt auch nicht körperlich weg? Oder kann man einen Apfel mit einem Menschen nicht derart vergleichen?

Ab wann ist man faul, gibt es da eine allgemein gültige Definition?

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Dann gibt es ja auch noch die anerkannte Faulheit, die in der Gesellschaft (vor allem in Deutschland) akzeptiert ist. Diese Faulheit kommt im Urlaub oder nach Feierabend zur Geltung. Man ist dann bewusst faul und hat keine Gewissensbisse dabei, denn man hat sich diese Faulheit irgendwie verdient – durch Fleiß, den man zuvor hat wirbeln lassen.

Wenn solch ein geprägter Mensch nun auf einen Menschen trifft, der ungeniert und ohne jeglichen Gewissensbissenansatz Faulheit genießt und auslebt, dann regt sich innerlich meist ein energisches Grundgefühl, was sich immer mehr erhitzt. „Wie kann der oder die so faul sein?!“ Vor allem wenn man das Gefühl bekommt, das sich dieser Mensch das Faulsein nicht durch Fleiß erarbeitet hat.

Ja – ausgelebte Faulheit scheint eine Kunst zu sein – für „uns Deutsche…“

Wir haben es verlernt (wenn wir es denn je konnten) wirklich faul zu sein. Dazu gehört auch Stille zu ertragen, die für die meisten meist unerträglich laut ist. Stillstand ist für die meisten von uns eine Qual und Faulheit ist gleichbedeutend mit Stillstand.

In der Bibel gibt es eine Stelle im Alten Testament, in dem die Ameise als Vorzeigeobjekt dem Faulen gezeigt wird. Da wir als Gesellschaft christlich geprägt sind, haben wir vielleicht aus diesem Grund das irgendwie in den Genen und es wurde von Generation zu Generation weitergegeben, das Denken über die fleißige Ameise, deren Tun wir anstreben sollen?

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Aber sind die Griechen denn nicht auch christlich geprägt? Warum haben sie dann diese Grundprägung nicht? Warum haben sie nicht diese Einteilung und Einstufung in faul und fleißig?

Beobachtet man die Tierwelt, dann kann man folgendes beobachten: Tiere bewegen sich zumeist nur so viel, wie es unbedingt sein muss. Bei der Nahrungssuche sollte der Aufwand Nahrung zu finden nicht das überschreiten, was der Körper dabei verbrennt. Denn verbrennt er mehr, als die Nahrung einbringt, baut der Körper ab. Ist das dann aber gleichzusetzen mit Faulheit, wenn ein Tier nicht erst 10 Km weit läuft, um dort dann Nahrung zu suchen, sondern bereits dort beginnt, wo es sich befindet?

Faulheit ist eine Form der Inaktivität. Doch das ist relativ, wie ich finde. Man kann sein Tun rationalisieren und auf das Nötigste beschränken. Menschen, die dieses Können haben, machen auf mich einen unbekümmerten und unbeschwerten, also leichten Eindruck. „Komm ich heute nicht, komme ich eben morgen“, ist für viele ein Sprichwort gegen Faulheit, doch für mich hat dieser Ausspruch auch einen dicken Funken Wahrheit und Weisheit! Was ich heute kann besorgen, das verschiebe ich ruhig auf morgen – warum denn auch nicht? Warum ist die lange Bank, auf die man Dinge schieben kann, denn vom Teufel? Stimmt das? Manchmal, wenn man Dinge auf diese Bank schiebt, erledigen sie sich von ganz von alleine und man hat somit weniger zu tun. Der Teufel ist mir daher nicht unsympathisch, wenn ich ihn so betrachte.

Faule Menschen, lassen sich nicht zwingen oder hetzen. Sie leben wie ein Stock im Wasser, die sich einfach von der Fließgeschwindigkeit des Wassers treiben. Irgendwie sind sie getrieben ohne getrieben zu sein. Ein Paradoxon!?

Nun also wieder zu den Griechen und das „vielleichtige“ oder etwaige Vorurteil, dass sie faul sind.

Ich erlebe die Griechen als geschäftige Menschen, die ihr Tagwerk in einem angemessenen Tempo zu erledigen wissen und dabei beachten, dass es wichtig ist, das Leben zu genießen. Die vermeintliche Faulheit empfinde ich persönlich als kluge Art und Weise, sich nicht von Arbeit doktrieren zu lassen, sondern sich dem Leben selbst hinzugeben und nicht Sklave der Arbeit zu werden.

Mein Gefühl ist, das sie weniger eine Trennung machen zwischen Leben und Arbeiten, als wir es gewöhnlich zu tun pflegen und dadurch wesentlich entspannter und fröhlicher sind.

Ein Faultier bewegt sich sehr langsam und nur wenn es nötig ist. In Slowmotion sozusagen. Faule Menschen sind also vielleicht wie Schnecken, Schildköten oder eben Faultiere – einfach langsamer. Sie machen (schaffen) weniger, aber die Dinge die sie tun, sind eben intensiver. Dadurch nehmen sie ihre Umgebung viel intensiver als eine Ameise wahr, die geschäftig am Baum auf und ab krabbelt. Es ist wirklich eine Kunst, ein Faultier zu sein. Ich persönlich übe mich in dieser Kunst, denn ich bin stark geprägt vom „schaffe, schaffe Häusle baue“ Syndrom und eher ein produktiver Mensch, der Dinge gerne zackig erledigt. Daher sind die Griechen ein großes Vorbild für mich und ich hoffe, dass man ihnen ihre Mentalität nicht nimmt. Die Europäisierung schreitet ja voran und so entwickeln sich viele Länder und deren Sitten mehr und mehr in Richtung Deutsch – das ist mein Empfinden. Doch alleine aus klimatischen Gründen ist es ein natürliches Verhalten, langsamer zu sein, denn bei 38 Grad im Schatten ist den wenigsten Menschen nach eifriger Produktivität. Einem Südländer also den Fließband Takt der „Deutschen Kultur“ aufzuzwängen, sollte daher erst einmal selbst gelebt werden –

Somit können wir in meinen Augen von den Griechen unwahrscheinlich viel lernen – nämlich das Leben zu genießen. Und wie geht das besser, als mit ausgelebter Faulheit, die Seele baumeln zu lassen wie das Faultier sich in den Bäumen hängen lässt.

Und noch eine Sache fasziniert mich an den Griechen und lässt mich zum Griechenlandfan werden. Hier in Griechenland jedoch haben die Menschen „(noch) ihren eigenen Kopf auf den Schultern. So wird nach wie vor zumeist ohne Helm (auf dem Kopf – maximal am Ellenbogen) Motorrad/Moped gefahren, sie überholen wie es früher auch die Italiener gemacht haben, indem sie einfach nach rechts auf die Spur fahren und die hinteren Autos vorbei fahren lassen und vieles mehr. Das ist auch ein Zeichen von Faulheit / Trägheit, dass die europäisch ausgesprochenen Gesetze lange brauchen um umgesetzt zu werden (und wie es hier scheint wird es noch ewig dafür benötigen…)

In diesem Sinne – an alle Griechen die das hier lesen – oder alle anderen Menschen, die sich eher als faul einstufen. Ich wünsche euch, dass ihr diese gesunde Faulheit bewahren könnt und es abfärbt auf die, die Faulheit erst lernen dürfen.

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