Wie sieht es mit der Sozialisierung aus?

Ein oft gehörter und gern genommener skeptischer Einwand gegen Homeschooling/Unschooling, den wir hören, ist: Wie sieht es denn mit Sozialisierung aus? Ist eine Sozialisierung ohne Schule denn überhaupt möglich? Wie sollen denn die Kinder sozialisiert werden ohne Schule?

Wir bekommen immer wieder gesagt, dass unsere Kinder so „anders“ sind.
Auf einem Kletterpark in Berlin kam der Chef, während wir unseren Kindern beim Klettern zusahen, extra deswegen auf uns zu und fragte uns: „Gehören die fünf Kinder zu ihnen?“ Ich fragte ihn daraufhin mit einem Schmunzeln, ob das nun gut oder schlecht sei, wenn sie zu uns gehören würden?
Er erzählte uns, dass ihm unsere Kinder aufgefallen seien. Irgendwas „Besonderes“ würden sie ausstrahlen. Sie wären so offen und konzentriert, selbstbewusst und selbstständig, ganz anders als die meisten anderen Kinder.

Das ist kein Einzelfall. Immer wieder werden wir auf unsere Kinder angesprochen.
Wir glauben, dass es verschiedene Wege der Sozialisierung gibt und wir glauben, dass es „negative Sozialisierung“ gibt.
Die Persönlichkeit eines heranwachsenden Menschen entwickelt sich durch verschiedene Einflüsse wie Eltern, Familie, Medien, Schule, Bezugspersonen wie Lehrer, Trainer, Freunde usw.
Unserem Erleben nach lernen Kinder gerade in den sozialen Einrichtungen wie Kindergarten, Schule und Hort im sozialen Miteinander unwahrscheinlich negative Dinge. Mobbing, Ausgrenzung, Konkurrenzgedanken, Versagensangst, Kraftausdrücke, Konsumverhalten, Gruppendruck, Herdentrieb, Drogen, Gewalt, negativer Wettbewerb…..all das sind die Nebenwirkungen die wir sehen. Natürlich gibt es diese Dinge auch in Familien, doch das ist wohl eher die Ausnahme. Und natürlich lernen nicht alle Kinder alle diese Dinge in der Schule. Doch einen gewissen Anteil davon schon.

Wir finden es nicht schlimm, dass unsere Kinder diese Dinge nicht erfahren. In unseren Augen haben sie deswegen keine Bildungslücke und nichts verpasst. Im Gegenteil. Sie sind so auffällig sozialisiert, weil sie die größte Zeit ihres Lebens mit konstruktiven Menschen zusammen sind und von ihnen als Vorbild lernen.

In einem Tanzkurs wurde einer unserer Töchter darauf angesprochen, dass sie nun zum zweiten Mal die selbe Hose anhaben würde und ob sie ein „Sozi“ sei? In der Reflektion haben wir herausgefunden, dass die Kinder in der Schule und in unserer Gesellschaft gewissen Restriktionen unterliegen. Wenn man dort nicht immer die richtigen und angesagten Klamotten trägt, wird man ausgelacht und ausgegrenzt, vielleicht sogar gemobbt. Diese Jugendlichen müssen sich stets beweisen und haben keinen Raum sie selbst zu sein oder zu werden. Getrieben von den Vorgaben einer Gruppe, tun sie Dinge, die sie in Unfreiheit führen. Unsere Kinder müssen sich innerhalb ihres Lebensumfeldes nicht mit so etwas auseinandersetzen wie: welche Klamottenmarke ist gerade in, was muss ich anziehen, welche Filme muss ich gesehen haben, welche Musik sollte ich hören. Sie sind als Mensch und Person wichtig und es ist völlig egal welche Hosenmarke sie tragen, sie sind angenommen und geliebt.

Unser ältester Sohn hatte sich entschieden auf die Schule zu gehen als er 17 Jahre alt war. Nach kurzer Zeit war er völlig desillusioniert. Es war ihm völlig unmöglich mit seinen Mitschülern in tiefere Gespräche einzutauchen. Die Oberflächlichkeit und das begrenzte (Scheuklappen)Denken mit der sie durch das Leben gingen schockierte ihn. Selbst unter den Lehrern fand er nur wenige, mit denen er sich über politische und ernsthaftere Themen tiefer austauschen konnte. Er ist ein Junge, der sich sehr mit dem weltpolitischen Geschehen auseinandersetzt und hatte gehofft, hier Menschen außerhalb seiner Familie zu finden, mit denen er sich über seine Gedanken austauschen könnte.

Dieses Phänomen begegnet uns immer wieder in anderen Familien, die ihre Kinder ohne Kindergarten und Schule begleiten. Auch sie geben uns dieses Feedback, dass es für ihre Kinder schwer ist, die Oberflächlichkeit der Gleichaltrigen zu verstehen. Dort ist es wichtig welche Klamotten man trägt, welches Handy man hat, welche Farbe der Nagellack hat und wie viel Textnachrichten man erhält.

Wir als Familie können unseren Fokus auf Wertevermittlung und ein wirklich soziales, liebevolles Miteinander setzen. Unsere Kinder wirken sehr entspannt und ausgeglichen. Wir haben ein lockeres, freundschaftliches Verhältnis zueinander und die Kämpfe, die wir in anderen Familien miterleben sind uns völlig fremd. Darauf werden wir in einem gesonderten Bericht tiefer eingehen.

Unsere Kinder sind nicht weltfremd und wachsen auch nicht unter einer Käseglocke auf. Doch sie sind behütet und können ihre Wurzeln tief in der Erde festigen, um dann als junge Erwachsene einen gesunden Start in ihr eigenes Leben haben. Sie sind Teil dieser Gesellschaft, weil sie aktiv in diversen Vereinen und Gruppen mitwirken. Doch die Basis bilden wir als Familie. Einer für alle, alle für einen. Das stärkt und gibt Selbstvertrauen.

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Ich denke wir machen einen Unterschied. Wir sind jedoch nicht die einzigen. Immer mehr Eltern begeben sich auf einen solchen Weg. Wir sind dadurch nicht besser, wir sind einfach anders. Wir verurteilen niemanden, der eine andere Einstellung hat und wir würden uns wünschen mit unserer Einstellung akzeptiert zu werden, auch wenn man sie nicht versteht und nicht teilen kann.

Auf die Frage bezüglich der Sozialisierung frage ich gerne zurück:

  • Kann Sozialisation nur dann stattfinden, wenn sich Kinder in speziell für sie von Erwachsenen künstlich zugeschnittene Orte begeben (Schule, Kindergarten) und speziell ausgebildete Menschen sich um sie kümmern?
  • Ist Sozialisation vornehmlich unter Gleichaltrigen wirklich sinnvoll? Können sie sich Gegenseitig ein Vorbild sein? Ist es gesund wenn sich Jugendliche andere Jugendliche anstatt Erwachsene als Vorbild nehmen?
  • Sind diese Institutionen wirklich ein natürlicher Lern- und Lebensort? Oder ist es nicht unnatürlich, Kinder dem Alter nach sortiert aufwachsen zu lassen?
  • Wäre es nicht sinnvoller, Kinder in einem natürlichen Umfeld mit verschiedenen Menschen, Nationalitäten und Altersgruppen seine Persönlichkeit entwickeln zu lassen?
  • Braucht man, um gesellschaftsfähig zu werden, wirklich die Erfahrungen von Konkurrenz denken, Ellenbogengesellschaft usw.? Muss ich mein Kind alledem aussetzen, damit es später damit zurecht kommt? Muss ich ihm alle diese Dinge bereits als Kind zufügen?
  • Ein Mensch, der seine Wurzeln gefestigt hat und dann mit den dunkleren Seiten des Lebens konfrontiert wird, kann der nicht ganz anders mit diesen Dingen umgehen, als ein unreifer Mensch, der sich stark beeinflussen lässt?

Leider ist es in Deutschland bislang nicht möglich den Weg frei zu wählen wie man die Sozialisation seiner Kinder gestaltet. Man ist gezwungen dies in der Schule stattfinden zu lassen, oder alternative Wege für sich zu finden.

Hör doch mal in meinen Podcast WILDWUCHS hinein. Hier speziell das Thema „Sozialisierung“.

Abschlussgedanken:
Wir haben mit unseren sieben Kindern die Erfahrung gemacht, dass eine Sozialisation außerhalb der Kindergartenbetreuung und der Schule sehr gut funktioniert.

Höre hier in meinen Podcast rein – Thema: Sozialisierung!

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