Kinder laufen blind durch den Wald

Blind sein – unvorstellbar für Sehende.
Während unseres Aufenthaltes in den Wäldern Nordamerikas war es ganz natürlich, das wer nachts Pipi musste, im Dunkeln durch den Wald lief. Der Gemeinschaftsplatz des Clans und unsere Schlafunterkunft, ein kleiner aus Holz gebauter Unterstand, lagen auch weiter auseinander. Als es früh Dunkel wurde und wir das Abendessen dementsprechend im Dunklen zu uns nahmen, liefen wir ebenfalls durch die vom Mond mehr oder weniger erhellte Nacht. Die folgende Übung hat uns als Familie sehr gut darauf vorbereitet damit klar zu kommen.

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Die Kinder verbinden sich ihre Augen und während dessen verstecke ich mich irgendwo in weiterer Entfernung von ihnen. Dort suche ich einen dickeren Stock und warte ab, bis ich merke, dass alle fertig sind.
Nun beginne ich mit dem Stock auf einen Baumstamm zu schlagen. Ein Geräusch was laut genug ist, dass die Kinder es hören können. Meistens dauert es einen kurzen Moment, bis sie orten aus welcher Richtung der Ton kommt.
Ihre Aufgabe ist es nun, mich, anhand der von mir gelegten Geräuschspur, zu finden. Dabei ist es wichtig, dass sie immer wieder inne halten um sich auf das Geräusch neu ausrichten zu können. Denn ihre eigenen Schritte, das Rascheln der Blätter, ihr Atmen und der Wind können das Geräusch überdecken und verfälschen.
Aus diesem Grund wechseln sich Bewegung und Stillstand in regelmäßigen Abständen ab.

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Während ich in einem bestimmten Rhythmus die Kinder zu mir locke, kann ich beobachten, wie unterschiedlich sie mit dieser Situation umgehen.
Es gibt die, die fast auf dem Boden krabbeln und die Erdung als Sicherheit benötigen.
Andere gehen stakkatoartig, ruckartig mit nur einer Hand nach vorne gestreckt.
Wieder ein anderes Kind bewegt sich grazil und sehr vorsichtig, macht viele und lange Pausen, wartet bis die letzte Verunsicherung weicht.
Manch einer verhaspelt sich im Dickicht und versucht anstatt mit Gewalt hindurch zu preschen den Weg drumherum und muss einen großen Umweg in Kauf nehmen.
Ein weiteres Kind steht vor dem selben Dickicht, zwängt sich aber einfach hindurch, ungeachtet all der Kratzer und Schrammen, die es davon trägt.
Ich sehe wie sie ihre Ohren in meine Richtung justieren und wie sie den Boden mit den Füßen und den Händen betasten. Alle Sinne sind laufen auf Hochtouren, denn der eine Sinn – der Sehsinn steht ihnen nicht mehr zur Verfügung.

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Es sieht für mich aus wie ein Tanz, wie der Tanz des Lebens, der Tanz ihres Lebens. Für mich ist diese Übung eine Metapher zum realen Leben. Wir gehen einem diffusen Geräusch nach, verlieren immer wieder die Spur, sind verunsichert, halten inne und schöpfen durch diese Pause neue Kraft und neuen Mut.
Manchmal geht es nur auf allen Vieren im Leben weiter und manchmal selbstbewusst und zielgerichtet, bis uns ein Ast ins Gesicht fährt und uns stoppt, wir vor Schmerzen erstmal nicht mehr wissen wohin.
Oder wir sitzen im Dickicht unseres Alltags fest, gefangen von Dornen. Wir wollen mitten durch, weil der Umweg uns zu weit erscheint. Was tun wir dann?
Manchmal hören wir neben uns dann einen vermeintlich sicheren und zielgerichteten Menschen und sind versucht ihm zu folgen, ohne zu wissen, ob er die richtige Richtung eingeschlagen hat. Wir müssen dann entscheiden, wem wir mehr vertrauen (zutrauen). Unserer eigenen Orientierungsfähigkeit oder der eines Anderen.
In unserem Leben haben wir manchmal auch nicht mehr den Durchblick, sondern müssen uns auf andere Dinge zurückbesinnen, andere Sinne anzapfen. Wir tasten auf einmal genauer, nehmen Dinge wahr, die wir sonst übersehen haben, hören, riechen und schmecken. Wir haben vielleicht den Durchblick verloren, doch erhalten dadurch auch Einblicke in nicht geahnte Fähigkeiten.

Kind, Wald

Alle Kinder kommen früher oder später bei mir an. Durch die Konzentration sind ihre Backen gerötet und sie Lächeln, sie haben etwas geschafft. Ihr Selbstwertgefühl ist gestiegen, denn sie haben, trotz der vielen Hindernisse, den Weg, ihren Weg gefunden. Jeder ist seinen eigenen Weg gegangen, hat seinen eigenen Weg kreiert, während er ihn gelaufen ist. Er hat sich einfach Schritt für Schritt entwickelt.

Genau das wünschen wir unseren Kinder für ihr ganzes Leben. Zutrauen in ihre Fähigkeiten und den Mut einen Fuß vor den anderen zu setzen, auch wenn man den Weg nicht kennt und nicht weiß wo das Ziel ist. Denn der Weg ist das Ziel, nicht wahr?

Alternative Varianten:

  1. Dämmerung/Nacht: Gesteigert werden kann diese Übung, indem man sie in der Dämmerung oder Dunkelheit durchführt. Der psychologische Faktor ist dabei immens. Denn natürlich ist man bei Tag und auch bei Nacht durch die Augenbinde „blind“. Doch es ist für die Psyche noch mal eine Steigerung, zu wissen, dass man auch ohne das Tuch vor Augen nichts sehen wird.
    Wir empfehlen jedoch diese Übung nur einzeln zu machen, damit das Kind jederzeit die Möglichkeit hat zu rufen, wenn es Angst bekommt oder völlig desorientiert ist. Und am besten wird das Kind von einem zweiten Erwachsenen während des Laufens passiv begleitet.
  2. Bäumchen wechsel dich: Haben die Kinder die Übung schon ein paar mal gemacht, kann man, während sie den Orientierungspunkt fixiert haben, den Ort leise und unauffällig wechseln. Sie müssen sich dadurch neu orientieren, sind vielleicht kurz etwas verunsichert, satteln dann aber auf den neuen Geräuschpunkt um.
  3. Haus/Wohnung: Man kann dieses Spiel auch zuhause spielen. Eine andere Art Verstecken also. Dort wird man schnell erleben, wie sicher sich die Kinder in den eigenen vier Wänden bewegen.
  4. Rollen Tausch: Lasst ein Kind an den Stock und verbindet euch selbst die Augen. Dieses Spiel hat ja auch mit Vertrauen zu tun. Euer Kind wird Euch sicher zu sich Trommeln und spüren, dass ihr ihm voll vertraut und auf es hört 😉 Es wird sich wahrscheinlich kringelig lachen und so habt ihr sogar eine Geräuschkulisse mehr! Denn wann sieht man schon mal Papa oder Mama durch den Wald holpern, stolpern oder krabbeln?

Wir wünschen Euch von Herzen viel Spaß!

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Hier noch ein Video:

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