Stell Dir folgende Situation vor:

  • Du wirst aufgefordert Dich von 7:30 bis 16:00 in einem dir zugewiesenen Gebäude aufzuhalten.
  • Es wird Dir genau vorgeschrieben, womit Du Dich in dieser Zeit zu beschäftigen hast.
  • Die Pausen in denen Du essen, trinken und auf Toilette gehen darfst sind limitiert.

  • Außerhalb dieser Pausen ist es Dir untersagt, zu essen oder zu trinken. Wenn Du auf Toilette musst, musst Du vorher um Erlaubnis fragen.
  • Wenn Du Dich mitteilen willst, ist es erforderlich, dass Du das vorher per Handzeichen aufzeigst und abwartest, bis Du von einer Autoritätsperson die Erlaubnis erhälst, etwas zu sagen.
  • Es steht Dir nur eine gewisse Anzahl an freien Tagen zur Verfügung, die vorab festgelegt sind und nicht von Dir ausgesucht werden dürfen.
  • Du musst Dich mit Dingen beschäftigen, die Dich in keiner Weise interessieren.
    Für individuelle Interessen gibt es kaum Raum.
  • Nach der Zeit, die Du in diesem Gebäude verbracht hast, wirst Du zuhause noch weitere Aufgaben zu erledigen haben.
  • Durch Tests wird Dein Wissensstand geprüft und Du wirst ein Filtersystem durchlaufen, in dem die Spreu vom Weizen getrennt wird.
  • Du wirst dadurch lernen, Dich durchzusetzen und Deine Kollegen als Konkurrenten und die Aufsichtspersonen als Feinde ansehen.
  • Es spielt keine Rolle, wenn die anderen Menschen um Dich herum völlig andere Lebenseinstellungen haben und ob Du mit ihnen klar kommst oder nicht.
  • Du wirst nur mit Gleichaltrigen zusammen sein. Eine Durchmischung von Jüngeren und Älteren wird es nicht geben.
  • Ab sofort wird es mittels Noten beurteilt, wenn Du singst oder ein Bild malst, wie schnell Du rennen und wie weit Du hüpfen kannst.

An Deinem ersten dieser Tage bekommst Du eine solche Tüte mit vielen Süßigkeiten drin. Vielleicht, weil Du das gut gebrauchen kannst?

Schultüten auf einer Wiese

Klar um was es geht? Um Schule. Es könnte sich jedoch auch um ein Gefängnis handeln, oder?
Wie würde es Dir damit gehen, wenn es tatsächlich ab morgen so wäre? Und das für die nächsten 10 bis 13 Jahre? Wenn Dein ganzes Leben der nächsten Jahre derart fremdbestimmt, durchorganisiert und durchstrukturiert wäre, wie würdest Du Dich damit fühlen?

Viele Menschen leben nach der Schulzeit im Prinzip das selbe Leben. Sie wurden durch die Schule genau auf dieses Leben vorbereitet, nicht wahr?
Doch ist es das, was wir auch für unsere Kinder wollen? Gibt es keine Alternativen?

Immer wieder hören wir Menschen sagen:

  • Die Schule hat mir nicht geschadet
  • Ich war in der Schule und habe sie überlebt.
  • Es ist wichtig zu lernen sich auch mit Dingen zu beschäftigen, die einen nicht interessieren.
  • Wir brauchen Schule um zu lernen.
  • Freiwillig lernt doch niemand.

Diese Argumente hören sich irgendwie schlüssig an. Zumindest wenn man sie mit dem Ratio betrachtet.
Doch wenn man das Leben mit dem Herzen anschaut, dann verschiebt sich das alles.
Unlängst haben wir als Familie ein Buch gelesen, was uns sehr beschäftigt hat. „Dieses bescheuerte Herz“. Es handelt von einem Jugendlichen, der seit seiner Geburt Herzkrank ist und mit dem Bewusstsein lebt, dass jeder Tag sein letzter sein könnte. Eine sehr tragische Geschichte wie ich finde, über einen positiv denkenden Menschen, der versucht sein Leben auszukosten, weil er sich dessen Endlichkeit schmerzhaft bewusst sein muss.

  • Wie viel Sinn hat aus solch einer Sicht betrachtet die Schule?
  • Wenn wir wüssten, wie lang oder kurz wir oder unsere Kinder zu leben haben, wie würden wir dann mit dem Thema Zeit umgehen?
  • Würden wir dann auch noch unsere Zeit mit Dingen vergeuden, die uns nicht interessieren und das von unseren Kindern erwarten?
  • Würden wir uns oder unsere Söhne und Töchter mit Situationen oder Menschen zusammenbringen, die ihnen schaden, sie traurig und unglücklich machen, nur damit sie lernen sich durchzubeißen?
  • Würden wir zulassen, dass sie ihrer Freiheit beraubt die kostbare Zeit in Gebäuden verbringen, anstatt das Leben intensiv auszukosten?
  • Würden wir nicht vielmehr unsere Lieben darin ermutigen und unterstützen, sich selbst zu verwirklichen und ihre Lebenswunschliste auszuleben?
  • Wäre es für uns dann auch noch wichtig, dass sie etwas „Richtiges“ lernen, einen guten Schulabschluss haben und einen sicheren, gut bezahlten Job finden?
  • Würde dann nicht vor all den vermeintlichen Lebenssicherheiten, das Glücklichsein stehen?

Je jünger ein Mensch ist, umso mehr gehen wir davon aus, dass das Leben lange dauert. Doch ist es in Wirklichkeit nicht nur ein Wimpernschlag und im Rückspiegel betrachtet schnell vorbei? Machen gerade wir Erwachsenen nicht die Erfahrung, dass die Zeit rast, je älter wir werden und das es wichtigere Dinge gibt als ein gefülltes Bankkonto, ein Einfamilienhaus, zwei Autos davor und einmal im Jahr einen Urlaub in der Karibik?

Meine Frau und ich sind Kinderkrankenschwestern und haben viele Kinder und Jugendliche sterbenskrank erlebt und sie in den Tod begleitet. Es ist ein Trugschluss, wenn wir glauben, dass das Leben 80 Jahre lang dauert. Wir wissen es nicht. Wie viel mehr sollten wir also das Leben feiern und genießen, es anfüllen mit Lebenserfahrung und Sinnhaftigkeit?

Das Leben ist lernen. Weder Kinder noch Erwachsene brauchen meines Erachtens ein Gebäude in dem sie lernen, noch den Zwang dorthin zu gehen und sich dort aufzuhalten. Das Leben ist einzigartig, wie unsere Kinder und wir selbst einzigartig sind. Das Leben ist kostbar. Zu kostbar um es zu vergeuden. Darum ist es Wert um Freiheit zu kämpfen und auszubrechen aus dem Schulgefängnis und der Begrenzung des Schulzwangs.

Kind hinter einem Zaun

Schauen wir in die Naturwelt, dann sehen wir das Prinzip des „leichteren Weges“. Das Wasser sucht sich immer den leichtesten Weg. Tiere sind bequeme Wesen und vermeiden, so weit es geht, Umwege oder unbequeme Umstände.
Warum ist es dann verwerflich, wenn wir Menschen dies tun? Warum sollen wir etwas lernen, was wir nicht brauchen (oder noch nicht brauchen)? Ist es nicht ein gesunder Mechanismus, sich gegen ein Zwangslernen zu wehren und ein Zeichen von Intelligenz, wenn Kinder es einfach nicht tun?
Wer wirklich glaubt, dass Kinder nur in der Schule fähig sind zu lernen, sollte sich diese Fragen ernsthaft stellen: Lernen Kinder tatsächlich nur im Rahmen der Schule? Warum hört das Lernen denn plötzlich auf? Denn offensichtlich lernen Kinder ja bis zum Eintritt in die Schule unwahrscheinlich viele Dinge. Sie bringen sich das alles selbst bei, ohne einen Lehrer, der an der Tafel steht und ihnen etwas erklärt?

Wie viel Kreativität rauben wir den Kindern, weil sie tagtäglich in diesen Schulgebäuden sitzen? Wie viel Spaß und Lebensfreude wird eingetauscht gegen ein gehorsames Funktionieren und adäquate Leistungen abzuliefern?

Warum sind die Ferien für Schüler das Beste an der Schule und für sehr viele Erwachsene ist der Jahresurlaub der Höhepunkt ihres Arbeitsalltages? Warum trennt man so rigoros die Freizeit von Schule und Arbeit? Geht das wirklich nicht anders?

Wo, wann und warum haben wir das Vertrauen verloren, dass für Kinder leben automatisch lernen bedeutet und Spielen ein wesentlicher Teil davon ist?

„Werdet wie die Kinder“ – sagte wohl ein weiser Mann namens Jesus. Kinder leben im Jetzt und Hier. Sie sind voller Vertrauen und geben sich dem Leben und dem Lernen selbstverständlich und auf natürliche Weise hin. Sie machen sich keine Sorgen um das Morgen und leben auch nicht verbittert in der Vergangenheit.
Sie sind frei – solange bis wir sie zurechtbiegen und zähmen. Vielleicht muss uns das erst in der Selbstreflektion bewusst werden und dann können wir aktiv entscheiden, in wie weit wir die selben Erfahrungen für unsere Kinde wollen und unterstützen?

Und sicherlich gibt es Menschen die durchweg positive Erfahrungen bei sich reflektieren und demnach ihre Kinder auch gerne zur Schule schicken.
Jedem jedoch sollte diese Entscheidung zugestanden werden, ohne abgeurteilt oder gar kriminalisiert zu werden. Wer seine Kinder in die Schule gibt, sollte toleriert werden genauso wie die, die sie nicht in die Schule geben. Niemand ist schlecht, wenn er den bewussten Weg mit oder ohne Schule wählt.

Für einige ist die Behauptung das „Schule Freiheitsberaubung“ ist vielleicht provokant…
Für uns ist es direktes und unmittelbares Erleben und Realität.

Hier ist noch eine wunderschöne und tiefsinnige Schulansprache von Erich Kästner. Hörenswert!

In diesem Sinne – die Wildnisfamilie

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